• Die mexikanische „Milpa“ und der Mais. Ein nachhaltiges Konzept zur Selbstversorgung

    Indigene Dörfer in den südlichen Bundesstaaten von Mexiko – wie Chiapas und Oaxaca – verfügen über viele Generationen überlieferte Konzepte für ein autarkes und selbsterhaltendes Leben in einer Gemeinschaft. Die Bestellung der „Milpa“ ist ein Modus-Vivendi in Bezug auf die Selbsterhaltung in der Ernährung, die Pflege des Kontaktes zur Erde, zur Natur und zum Kosmos. Die Milpa gestaltet aber auch die Organisation der indigenen Gemeinschaften selbst.

    Vielfältiger Anbau auf einer Parzelle

    Milpa bedeutet in Nahuatl: „Das was auf der Parzelle angebaut wird“. Das ist eine Lebensart, die in der Vielfalt begründet ist. Auf einem einzigen Grundstück wird ein vielfältiger Anbau integriert, dazu gehören Bohnen, Zucchini und Kürbisse, Chilly, Verdolaga, Yuca, etc. und spezielle und unterschiedliche Maissorten. Auf der Parzelle, der Milpa „gedeihen“ auch die „Chapulines“, die Grashüpfer, die in Mexiko und speziell in Oaxaca gegessen werden. Es handelt sich bei der Milpa um eine Art Mischkultur mit einer unvergleichbaren Fülle.

    Hoher sozialer Stellenwert der Milpa

    Die Milpa besitzt einen hohen Wert und eine grosse soziale Bedeutung in den indigenen Gemeinschaften: Sie gibt ihnen Unterhalt und Zusammenhalt. Der Maisanbau, als wichtiger Teil der Milpa, ist ein lebensspendendes und –erhaltendes Element der indigenen Gemeinschaften („Comunidades“ genannt) in Mexiko.

    Die Geschichte des Mais und der Bevölkerung, die ihn anbaut, geht Hand in Hand. Auch die politische und soziale Organisation der Gemeinschaften ist aufs Engstes mit dem Maisanbau verbunden. Diese Verbindung besteht zwischen „Maiz“, Land, Kultur und Gemeinschaft. Die Sicht auf die Welt der indigenen Bevölkerung, wie etwa die der „Zapotecas“ oder „Mixe“, wird vom Maiskorn bestimmt.

    Dementsprechend ist die Beziehung zwischen mexikanischen indigenen Völkern und dem Mais und der Milpa eine sehr tiefgründige. In einigen „Comunidades“ ist einer der wichtigsten Werte im Leben, dass jede Familie die Fähigkeit besitzen muss, die „Milpa“ zu bestellen und zum Gedeihen zu bringen. Damit sichert sich die Familie ihre Nahrungsmittel und ihr Auskommen. Volle Kornspeicher bewahren vor jeglicher Unannehmlichkeit. 

    Kontinuität in der Gemeinschaft

    Schon wenn die Mütter ihre Kinder stillen, erzählen sie ihnen von der Milpa, von all dem Reichtum und allen Köstlichkeiten, die es dort gibt. Von klein auf vermitteln sie den Kindern, dass sie die Fähigkeit entwickeln müssen, die Milpa zu erhalten und zu bestellen. Diese Fähigkeit verleiht der Gemeinschaft ihre Kontinuität.

    Auch gibt es eine Kontinuität der sogenannten „Tequios“. Das sind Dienstleistungen für die Gemeinschaft, wie gegenseitige Hilfe im Lebensalltag. Sie ähnelt der Nachbarschaftshilfe in den westlich-europäischen Gesellschaften. 

    Über Generationen weiter vererbtes Saatgut

    Die Samen und ihr Genpotenzial, die für die Milpa verwendet werden, haben sich über Jahrhunderte aklimatisiert und erhalten. Sie weiter zu geben, ist die Arbeit und Pflicht vieler Generationen. Dies betrifft vor allem den Mais, das Grundnahrungsmittel der indigenen Mexikaner.

    Diese Maissorten wurden schon von den Großeltern vererbt und stellen einen genetischen Reichtum von unglaublichem Wert dar. Es sind uralte Maissorten, die nirgends sonst auf der Welt zu finden sind. Diese Sorten widerstehen beispielsweise klimatischen Unbillen und jahreszeitlichen Schwierigkeiten. Ihr Vorteil gegenüber Hybridzüchtungen ist, diese Sorten halten viel aus.

    In den indigenen Gemeinschaften werden die unterschiedlichen Maissorten aufbewahrt und erhalten. Dabei gibt es Maissorten für höher oder niedriger gelegene Milpas, für kältere oder wärmere Zonen, für eine kürzere oder längere Wachstumsdauer. Die Sorten werden auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten gesät.

    Über die Jahrhunderte hinweg schafften es die indigenen Gemeinschaften, eine Strategie zu entwickeln, die die Selbsterhaltung in der Ernährung sichert. Die Verwendung der gentechnisch veränderten Samenkörner zerstört dieses Vermögen zur Subsistenz, zur Selbstversorgung. Deshalb lehnen mexikanische Gemeinschaften gentechnisch verändertes Saatgut ab. In einigen Gemeinschaften gibt es interne Abkommen, dass niemand auch nur ein einziges gentechnisch verändertes Maissamenkorn anbaut. 

    Subsistenz erhalten, Nein zu Hybrid und Gentechnik

    Natürlich verbesserte sich anfangs die Ernte mit dem Anbau der ersten Hybrid-Sorten und der Verwendung chemischer Düngemittel. Aber die „Comunidades“ erkannten, wenn Insektizide und chemische Substanzen verwendet werden, um die Produktion der Milpa zu steigern, treten Krankheiten als Konsequenz auf. Beispielsweise gab es vor der Einführung von Hybridsaatgut und chemischer Düngemittel keine Diabetiker in den „Comunidades“ der Sierra (Bergkette). Jetzt gibt es dort viele Diabetiker und viele Krebspatienten. Diese Krankheiten – die es vorher nicht gab – werden mit den Hybriden, die von auswärts kommen, in Verbindung gebracht.

    Deshalb gibt es etwa im Bundesstaat Oaxaca eine massive Bewegung der indigenen Gemeinschaften, Gesetze zu schaffen, welche die Verwendung von gentechnisch verändertem umd hybridem Mais verbieten. Denn in den indigenen Gemeinschaften von Oaxaca ist die Milpa nach wie vor die Strategie für ein würdevolles Leben.

    Natürlich werden als Überlebensstrategie auch immer wieder andere Wege versucht, wie etwa der Handel mit Reisen in der Region, um Geld zu verdienen. Das Problem dabei ist, wenn die Person, welche dieses Einkommen erzielt, nicht mehr lebt oder die Familie damit nicht mehr versorgen kann, haben deren Angehörige es nicht gelernt, von der Milpa zu leben.

    Das Wohlergehen vieler indigener Gemeinschaften im mexikanischen Süden hängt vom Mais und der Milpa ab. Jedes Entwicklungsprojekt, das Zukunft haben soll, sollte deshalb auf der Milpa aufgebaut sein. Denn dort wo es „Maiz“ und Gemüse gibt, gibt es auch Sicherheit und gelebte Subsistenz.

     

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