• Angst überwinden – Raus aus der Komfortzone!

    Angst überwinden – Raus aus der Komfortzone!

    Was ist unsere Angst? Ein Schutzmechanismus? Etwas Reales? Oder einfach ein irreales Konstrukt, das uns dennoch daran hindert weiterzugehen und uns immer in einem gewissen sicheren Bereich verbleiben lässt? Es zahlt sich auf jeden Fall aus, mal bei sich selbst genauer hinzusehen, wie es mit den eigenen Angstmustern aussieht.

    Neulich hatte ich eine Gelegenheit das wieder mal zu tun. Grundsätzlich setze ich mich schon länger mit meinen Ängsten auseinander, mit deren Wurzeln und wie Real diese eigentlich sind. Wenn ich so an meine materiellen Existenzängste denke, die bei mir auftauchten mit 25 Jahren und danach, als meine Mutter verstarb, kann ich im Nachhinein nur sagen, dass sie irreal und unbegründet waren: ich hatte immer und jeden Tag den ich wollte ein Dach über dem Kopf und ein Bett zum Schlafen (ausser an den Tagen an denen ich entschied zu campieren), ich hatte immer genug zu essen und auch gute Sachen zum anziehen. Ich lebte manchmal mit mehr Geld, und dann wieder mit weniger Geld. Ich hatte egal ob ich viel oder wenig Geld hatte, eine gute Lebensqualität.

    Gut, neulich also fuhr ich mit mexikanischen Freunden in die Sierra Norte, die Bergwelt rundum die Stadt Oaxaca in Mexiko, im Bundestaat Oaxaca. Ich wollte einfach wieder mal raus ganz in die Natur, wandern im Wald etc. Alle waren ganz versessen darauf sich von der „Tirolesa“ runterzustürzen, ein Seil das einen Berg mit einem anderen verbindet und über ein Dorf drübergeht. Ganz besonders verrückt danach war meine 58 jährige mexikanische Freundin Alicia. Ich fühlte absolut keinen Drang in mir mich von dem Ding runterzustürzen und da 100 m in der Höhe, über einem mexikanischen Dorf, in der Luft am Seil zu hängen. Von Anfang an stellte ich mir vor, dass ich wandern gehen würde, oder reiten, wenn meine Freunde sich da runterstürzen würden. Es kam mir gar nicht in den Sinn, daran teilzunehmen. Mir war so gemütlich in meinem sicheren Bereich, dass ich mir auch gar keine Gedanken darüber machte, selbst als meine Freunde mich neckten, dass ich da auch unbedingt mitmachen musste.

    Als wir dann schon Richtung Tirolesa fuhren, im Auto, fing Alicia schon an mich zu überzeugen, dass ich mir das auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Irgenwie merkte ich, dass es mich reizte, dass ich aber einfach enorme Angst hatte da in 100 m in der Luft zu hängen und vielleicht runterzufallen. Todesangst. Meine Vorurteile gegenüber der mexikanischen Technologie und Sicherheit der Installtion wurden sofort innerlich laut. Wer weiss ob das was gescheites ist? In Mexiko, ist ja das Leben nicht soviel wert.

    Ich sagte zu Alicia, ich hätte 20 Jahre mehr an Leben zu verlieren als sie, das Risiko wäre höher bei mir. Sie lachte und schimpfte mich liebevoll auf mexikanisch aus: „Pinche Birgit!“ Ich beobachtete mich selbst, einerseits die Lust, die ich mir selbst kaum eingestehen konnte, auch bei diesem Abendteuer dabei zu sein, und dann die gemütliche und sichere Komfortzone… unten ist es ja auch schön, ich brauch so einen Adrenalinstoss nicht.

    Als wir dann unsere Tickets kauften, mussten wir einen Vertrag unterschreiben. Ich war die einzige – Nichtmexikanerin – die den Vertrag genau las, und auch gleich nachfragte: „Was? Heisst das etwa, wenn die Tirolesa kaputt geht, dass das dann auch meine Verantwortung ist? Das kann doch nicht sein, oder nur in Mexiko“. „Nein“, wurde ich beruhigt, das hieße nur, wenn ich mir beim Aufstieg zur Tirolesa weh täte, wäre das meine eigene Verantwortung. Aha, gut, na Bergsteigen bin ich eh gewöhnt. Kurz dachte ich noch darüber nach, was wohl in Österreich in so einem Vertrag drinnen stehen würde, und ob es eine Versicherung gäbe. Dann wurde mir auch gleich bewusst wie tief drinnen, und wie verrückt mein antrainiertes Sicherheitsdenken ist. Ein Grund mehr für mich, meine Angst zu überwinden, und aus der Komfortzone herauszutreten.

    Beim Aufstieg fluchten alle, nur ich tat mir leicht. Ich hatte als einzige nur ein kleines vegetarisches Frühstück zu mir genommen, die anderen schleppten auch Fleisch, Eier und Tortillas in ihren Bäuchen den Berg hinauf. Als ich das Seil sah, an das wir uns hängen würden, wurde mir ganz anders. Ein dünnes Drahtseil, das aussah wie eine Stromleitung, die über das Dorf hängte. Nein, ich wollte am liebsten zurück. Die ganze Zeit kämpfte ich mit dem Reiz mich auch über das Dorf in die Lüfte zu erschwingen, und einer fürchterlichen Angst die mich einfach lahmlegte. Ich dachte: „Aha, jetzt bringt dich diese Situation genau an einen Punkt, den du auch real in deinem Leben immer wieder hast, aber selten wirst du so deutlich drauf hingestoßen: Ich bleibe lieber in der Komfortzone, weil die kenne ich, und da weiss ich dass nichts passiert, und es ist ja auch gut hier, alles gewöhnt und viel erdiger. Wie gesagt. Wandern ist ja auch etwas Schönes. Wie oft mache ich wohl vergleichbare Sachen ohne es zu merken?

    Als wir oben angekommen waren legten wir den Helm an und ein Gerüst, an dem wir dann an das Seil angehängt werde würden, an dem Punkt von dem aus wir uns in die Luftleere stürzen würden. Als erste war Alicia dran, die weitaus älteste und mutigste der ganzen Gruppe. Der Coach erklärte uns am Beispiel von Alicia wie wir die Beine und den Kopf zu halten hatten. Alicia meinte nur ganz ungeduldig: „Schmeisst mich endlich runter!“. Und weg war sie. Also sie am anderen Ende angekommen war, dachte ich, ich wünschte ich hätte es auch schon hinter mir.

    Als ich drankam, wollte ich am liebsten aussteigen. Ich hatte wahnsinnige Angst. Ich schaute in die Tiefe und in die Höhe und bekam Panik. Als ich dann dranhängte, am Seil, den Boden unter den Füßen verlor und über den Abgrund stürzte, dachte ich einen Moment: „jetzt ist es vielleicht vorbei“. Dann sah ich die wunderbare Landschaft, das Dorf unter mir, die Höhe, den Flug in der Luft, die andere Perspektive, das Schwebegefühl, und genoss einfach diesen Zustand, diesen Moment. Aus meiner Angst heraus hätte ich mir diesen Moment um ein Haar nicht gegönnt.

    Am andern Ende angekommen fühlte ich mein Herz schlagen, fühlte ich mich glücklich. Es war ein wunderbares Erlebnis. Nichts war dabei passiert. Ich dachte, angesichts des Todes, welche Probleme habe ich eigentlich. Selbst das grösste Problem, wird aufeinmal klein, nichtig. Ich habe das Leben. Das ist das grösste Geschenk, und das einzige das ich habe. Und meine Freiheit. Ein Höhegefühl stellte sich ein. Ein vor der Tirolesa und nach der Tirolesa Bewusstsein.

    Mir wurde bewusst wie oft im Leben ich mit dieser lähmenden Energie konfrontiert bin, ich sie nähre und zelebriere. Nicht in den Genuss des Höhenfluges komme, weil ich denke am Boden und bei den bekannten Dingen ist es sicherer. Und ich merkte wieder einmal wie sehr es sicht lohnt die eigenen Ängste zu überwinden und aus der Komfortzone herauszusteigen. Ich versprach mir selber, das in Zukunft wieder öfter zu tun!

     

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